Anmerkung:
Dieser Teil beginnt ab Seite 130 des Manuskripts und ist in den 1980iger Jahren angesiedelt:








VII

Auf dem Rand der Zeit



Norbert Sens tauchte ab und zu in der Kneipe auf. Eines Abends lud er Arno ein, ihn auf eine kleine Reise zu begleiten. Für ein paar Tage auf die Insel Diamater. Arno sagte spontan zu. Sie trafen sich am Freitag Nachmittag. Arno wunderte sich nicht das Norbert noch ein paar Leute mitnahm. Er hatte die Angewohnheit seine Rechnungen auf den Pfennig genau zu bezahlen. Selbstverständlich verbot ihre Freundschaft Trinkgeld zu geben. Dadurch war ausgeschlossen das Arno ihm einen Drink ausgab. Jeder legte ein paar Mark zu den Benzinkosten dazu. Arno war es ganz recht Mitreisende zu haben, damit wurde die Reisegeschwindigkeit auf erträgliche und durchschnittliche 80 Stundenkilometer begrenzt. Norbert legte eine Kassette in das Abspielgerät und konzentrierte sich auf die Straße. Arno vergaß die Namen der Menschen auf dem Rücksitz schon als er sie gehört hatte. Die Fahrt führte nicht durch ein Meer, nur über Grenzen, imaginäre Linien in der Landschaft.

Nonsens fuhr geschickt durch die Stadt. Er fädelte sich auf die Autobahn ein und blieb dann auf der rechten Spur der Fahrbahn. Es war Herbst früh setzte der Abend ein. Vor Einbruch der aschfarbigen Abenddämmerung trafen sie auf eine Staatsgrenze und durften ihre Reisepässe auf ein Förderband legen lassen. Keine Hand durfte diese Grenzlinie berühren. Eine unendliche dünne und imaginäre Linie hinter der sich das Unbekannte verbarg. Niemand durfte das Fahrzeug verlassen. Obwohl die Grenzbeamten in ihren grauen Uniformen die gleiche Sprache sprechen konnten, handelten sie als würden sie ein altbekanntes Ritual aufführen. Ein sonderbares Schauspiel bei dem jeder das Gefühl hatte jeden Augenblick aus der Rolle fallen zu können. Die Bürokratie versprach, ohne Worte versteht sich, den Durchreisenden niemals aus den Augen zu verlieren. Nach dem ermüdenden Austausch von Formalitäten holperten sie weiter auf einer Straße, die sie unter keinen Umständen verlassen durften. Links und Rechts senkte sich die Nacht in eine scheinbar endlose Ebene. Das Licht der Scheinwerfer hob den körnigen Beton der Fahrbahn auf die Windschutzscheibe. Ein Ungetüm von Lastwagen unbekannten Typs verhinderte den Blick in die Ferne. Gelegentlich folgte ihnen eine ganze Weile lang ein anderes Auto, was sie an dem Scheinwerferlicht im Rückfenster erkannten. Nach einer ungewöhnlich langen Zeit überholte sie dann ein graues Gefährt das schneller wirkte als es wohl war. Verstohlen versuchte Arno den jeweiligen Fahrzeuglenker in seiner Kabine zu erkennen. Tatsächlich waren die Fahrer ganz gewöhnlich aussehende Menschen, wenngleich er das nur den Profilen der Fahrzeuglenker entnehmen konnten. Immer war nur der Fahrer in diesen kleinen Autos zu sehen und immer sah dieser starr geradeaus. Ganz anders die Menschen in den Automodellen die Arno kannte. Die brausten an ihnen vorbei als wären alle Teufel hinter ihnen her und winkten ihnen zu als sollten sie sich beeilen. Vielleicht wurden sie auch mit einer Luxusausgabe der einheimischen Personenwagen verwechselt.

Eine Weile lang versuchte Arno in der Dunkelheit Lichter von Häusern zu finden, doch nur dunkle Schatten von Bäumen huschten vorüber. Der Motor brummte, die Musik aus dem Kassettenspieler leierte 4/4 Takte herunter und die Betonplatten der Fahrbahn synkopierten den Rhythmus zu einem monotonen Hämmern. Arno fühlte sich seltsam herausgehoben aus der Gegenwart, so als wäre alle Zeit auf diesem Streifen Autobahn ausgesetzt. Er hatte gehört das diese Fahrbahn ein Ergebnis des 2. Weltkriegs war und er hatte gehört dass das Land ringsum sich in eine Zukunft erstreckte die er nicht kannte. Arno ahnte nicht das diese Grenze nicht einmal mehr zwei Jahre bestand haben würde. Wie der Ozeandampfer Titanic der einen Eisberg rammte und doch unterging, obwohl das Schiff als unsinkbar galt, wurde hier die Zeit ausgesetzt. Es gab kein Verweilen, nur ein Hindurch. Plaste und Elaste stellten sich auf einer Brücke angeschrieben vor, Produkte hergestellt aus der Fraktionierung des Erdöls. Trennung, teilen und kombinieren zu etwas Neuem. 1983 wurde die erste CD-Fabrik der Welt eröffnet. In der Kneipe wurde noch immer über die Vor- und Nachteile der Compact Disk gegenüber der Vinyl-Schallplatte diskutiert. Ein schöner Gesprächsstoff für alle die beides hatten. In Tschernobyl war ein Kernreaktor verunglückt, unsichtbare Wolken waren ohne Rücksicht auf irgendwelche Ländergrenzen über die Erde gezogen. Die Katze in Schrödingers Vergleich saß in ihrer Kiste und war lebendig und tot zugleich. Unvorhersehbar würde irgendwann ein Elektron seine Bahn verlassen und den Zustand des gesamten Systems verändern. Arno schwebte in seinem Autositz durch die Nacht. Automatisation, die Manipulation des Programms durch sich selbst. Das Feld wird in Abhängigkeit vom Referenzsystems skalierbar.

Was ist Sand eigentlich?

Ich hatte eine handvoll nassen Sand aufgenommen und zusammengepresst. Die Überreste von Sandburgen zerfielen am Ufer. Ich ließ den Klumpen fallen. Der Abdruck meiner Handinnenfläche fiel neben die Kuhle die ich beim aufnehmen gemacht hatte. Ich wandte mich ab und sah hinaus auf das Meer. Die leicht gekrümmte Linie des Horizonts wie ein Riss zwischen blauen Himmel und dem grauen Wasser. Der Wind wehte Landeinwärts, führte einen leichten Geruch nach Salz mit sich. Eine Möwe setzte nah am Ufer zur Landung an und warf mir einen seltsam vorwurfsvollen Blick zu. Ein versteinerter Held zeigt dem Meer seinen gepanzerten Rücken. Den Kopf eingezogen, die Brust dem Land zugekehrt trotzte er der Erosion. Ich nehme ein Stück Zeichenkohle aus meiner Tasche. Ich ziehe eine Linie auf dem Zeichenpapier, die sich in das Profil des Kolosses aus Granit verwandelt. Ich halte inne. Der stumme, verwitterte Felsblock scheint jede Bewegung in sich aufzusaugen, um seine steinernen Hüften hat sich schon ein Wall aus Sandkörner gebildet.

Arno war eingeschlafen. Die eintönige Plane des Lastwagens war verschwunden als er die Augen aufmachte. Sie standen in einer Warteschlange. Die Grauen prüften und die Grünen winkten sie freundlich durch. Sie rollten über die Grenze, die Fahrbahn wurde besser. Am linken Fahrbahnrand sah Arno Menschen stehen. Sie hielten Pappschilder mit Buchstaben in die Höhe: M, F, A, I... Gelegentlich hielt ein Wagen an. Der Mensch mit dem Pappschild warf seinen Rucksack in das Fahrzeug, stieg selbst ein und der Wagen fuhr davon. Schon waren sie vorbei und das Tempo steigerte sich. Die Motoren der Pkws heulten auf, ein roter Flitzer raste links an ihnen vorüber. Arno glaubte Benzin und Gummi zu riechen. In der Zielgeraden winkten ihm unsichtbare Zuschauer von einer Tribüne herab zu. Sie sausten auf ein hoch aufragendes Monstrum zu. Es schien eine Lanze hoch erhoben zu haben, rote Positionslampen glühten in der Nacht auf. Aus zahllosen erleuchteten Fenstern zeigte der Gigant seine Zähne und sog sie unter sich. Sie tauchten ein in den Schatten aus gepanzerten Klauen. Norbert riss das Lenkrad herum und fuhr eine scharfe Kurve. Das Auto kreiselte aus der Dunkelheit kommend mitten hinein auf den Parkplatz einer hell erleuchteten Tankstelle. Nonsens trat auf die Bremse, hielt neben einer Zapfsäule und stellte den Motor ab. Er streckte gähnend die Arme über den Kopf: „Ich muss tanken.“ Die Gefährten und Arno holten jeder einen 10 Mark-Schein aus ihren Taschen. Nonsens sammelte das Geld ein und stieg aus dem Auto. „Kurz vor den Bergen gibt es eine U-Bahn“ sagte Nonsens als er wieder in das Auto stieg. Den Gefährten war es recht. Einer murmelte etwas von: „Is jut, wir wollen eh ab innen Schacht.“ Norbert nickte, startete das Auto und die Maschine schnurrte auf die Straße. Bunt strahlten Schaufensterscheiben, Straßenbeleuchtung, Verkehrssignale, Kneipen und Imbissbuden. In der österreichischen Alpenstraße hielt er an einem Schacht an, der hinab zu den öffentlichen Verkehrsmitteln führte. Die Gefährten entluden ihr Gepäck und steuerten die nächste Pommesbude an. „Tschüs.“ Sie fuhren weiter und bogen bald in eine Seitenstraße ein. Gründerzeitbauten und Bäume, dicht geparkte Autos. Nonsens fand nach einiger Zeit eine Lücke.

Da wären wir. Du kannst gleich dein Zeug mitnehmen.“

Sie stiegen hinaus in die Nacht und schleppten ihre Sachen bis zu einer jener Bauten aus der Zeit der Jahrhundertwende 19./20. Nonsens drückte lange auf den Klingelknopf. Die Haustür war offen. Nonsens machte Licht und marschierte entschlossen an die Briefkästen. „Einfallswinkel ist gleich Ausfallswinkel“ murmelte er und öffnete einen der Blechkästen mit einem Schlüssel den er bei sich hatte und entnahm einen Wohnungsschlüssel. Das Treppenhaus war alt. Der Anstrich noch älter. Die Beleuchtung bestand aus höchstens 20 Watt Glühbirnen. Nonsens stieg Arno voraus die knarrende Treppe hoch. Norbert hielt vor einer Wohnungstür mit ziemlich vielen Namen unter dem Klingelknopf. Er öffnete und sie traten in einen typischen WG-Flur. Schuhe, noch mehr Schuhe, ein niedriges Komödchen mit Telefon und jeder Menge Zeug am Boden, an einer Wand ein Fahrrad und gegenüber hingen Jacken und Mäntel. Nonsens kannte sich offensichtlich aus und ging in die Küche. Ein großer Tisch in der Mitte, jede Menge Stühle und die von Kaffeetassen überladene Küchenzeile. Nonsens nahm einen Notizzettel vom Tisch und las. „Sind wohl alle ausgeflogen. Wir können unsere Sachen bei Harri lassen.“ Er machte kehrt. Sie luden ihre Taschen und Schlafsäcke in einem Zimmer nahe der Wohnungstür ab. „Harri ist nicht da. Wohl für ein paar Wochen auf Exkursion. Wir können ins 'Charlottes bug' gehen. Gibt was zu Essen dort“ schlug Nonsens vor. Arno stimmte dem Vorschlag zu.

Sie gingen schweigend eine Allee entlang. Arno konnte keine signifikanten Abweichungen zu seiner gewohnten Umgebung erkennen. Die Häuserfronten zeigten die üblichen Brüche in ihrer Entstehungszeit, zwischen die Gründerzeitbauten mischten sich die Konstruktionen aus den 70iger Jahren des 20. Jahrhunderts. Sie bogen ab. Am Straßenrand mischten sich zwischen die Käfer und Enten, Golf und Transit. Der eine oder andere um- und ausgebaute LKW beanspruchte seinen Platz. Die Karosserien wurden matt von den wenigen aber solide armierten Zigarettenautomaten an den Hauswänden gespiegelt. Sie hielten die Straßenverkehrsordnung schon allein deswegen perfekt ein weil ihnen nicht anderes übrig blieb, ohne über Karosserien zu klettern. An einer Kreuzung gingen sie über die Straße. Arno konnte ein Schild an der Hauswand erkennen und las im vorbeigehen: „Charlottes bug“.

Wer war Charlotte und was war ihr Fehler? Sie betraten die Gaststätte, Wärme und Zigarettenqualm empfingen sie. Sie fanden einen leeren Tisch. Nike Kackson verlangte aus den Lautsprechern nach mehr Spannung, die Musik mischte sich mit Gesprächsfetzen, dem gelegentlichen klackern von Billiardkugeln und dem leisen klirren von Gläsern. Hinter dem Tresen standen zwei Damen. An der Wand hinter ihnen beherbergte eine postmoderne-do-it-your-self-Spiegelglas-Regalkonstruktion eine beachtliche Anzahl von Flaschen. In der Ecke zwischen Theke und Wand fand Arno im Halbdunkel tatsächlich Charlottes Bug. Das äußerste Ende davon, die Gallionsfigur. Eine hölzerne Dame aus dunklem Holz, ein paar Farbreste, eine seltsame starre Frisur die von der unsichtbaren Gischt stramm nach hinten geblasen wurde. War da nicht sogar ein Tuch, ein Umhang, ein Schal um die üppigen Brüste zu erkennen? Das war also der Rest von Charlotte, ihr Schutzgeist. Charlotte musste ein Boot, ein Schiff gewesen sein. Ganz offensichtlich war sie irgendwo, irgendwann, zerschellt, abgesoffen oder verschrottet worden. Hatte Bug oder bug auf dem Schild an der Hauswand gestanden? Arno kannte nun den Bug. Was aber war der bug? Er erwartete einen Programmierfehler und keinen Käfer.

Die jüngere der beiden Damen an der Theke kam langsam an ihren Tisch geschlurft. Sie bestellten Bier und Gulasch, letzteres hatte ihnen die junge Dame des Hauses empfohlen.

Ich kann dir nicht sagen wo das Schiff geblieben ist, ob es je eines gegeben hat“ beantwortete Nonsens Arnos Frage und lächelte an ihm vorbei. Er faltete kurz die Hände, griff dann in seine Jackentasche und zog eine Zigarettenpackung und Feuerzeug hervor. Er hängte seine Jacke über seinen Stuhl, zündete sich eine Zigarette an. Arno nickte ihm zu. Schon wurde ihr Bier serviert. „Skol.“

Ich kann dir nicht sagen warum hier keine Stoßstange an der Wand hängt. Back? Ach, bug! Ungeziefer gibt es hier meines Wissens nicht.“

Arno versuchte Nonsens zu illustrieren was ein Programmierfehler war.

Es gibt Planeten und Sterne, es gibt Flüsse und Meere, es gibt Schiffe, es gibt Autos. Die vier erstgenannten Dinge setzen wir voraus, weil sie wohl schon lange vor der Menschheit existierten. Es gibt Beweise. Schiffe und Autos sind von Menschen gemacht.“ Nonsens hörte gelangweilt zu und war sichtlich froh als ihr Essen gebracht wurde. Er drückte seine Zigarette aus und begann zu essen. Arno versuchte ein Gespräch in Gang zu bringen während er sein Gulasch löffelte: „Schiffe waren wohl in der Antike high-tech, also Maschinen. Programme, Software sind Maschinen die in Maschinen arbeiten.“

Nonsens kaute: „Bis ich den Stecker ziehe.“ Er nahm einen Schluck Bier.

Genau, in der Zeit vorwärts und rückwärts rudern. Wer nicht absäuft gewinnt die Gegenwart.“ Sie beschäftigten sich eine Weile schweigend mit der Nahrungsaufnahme. Nonsens schob seinen Teller von sich und lehnte sich zurück. „Prost.“ Sie tanken ihre Biere leer. Sie bestellten sich zwei Neue. Nonsens blies Wölkchen in die Luft, legte den Kopf weit zurück und erzeugte einen wirklich schönen Rauchkringel. Der Kringel stieg hoch über ihre Köpfe bis kurz unter die Decke. Langsam um die eigene Achse rotierend fand die ektoplastische Erscheinung eine Luftströmung. Der Ring schwebte, noch immer sehr kompakt, in die Richtung zum Ventilator an der Wand weiter.

Wer sich unnötige Gedanken macht, macht sich das Leben nicht unbedingt leichter. Vielleicht sind die meisten Erfindungen nur Notlösungen oder Spiele weil uns gerade keine akute Not plagte.“ Er hielt inne und neigte lauschend den Kopf, die Zigarette in der aufgestützten rechten Hand. In diesem Moment übertönte ein Geräusch die Musik aus den Lautsprechern. Etwa so als würde ein Sektkorken knallen. Verstohlen deutete Nonsens mit seiner Zigarette in die Richtung zum Ventilators. Arno sah hin.

Der Rauchring schien sich im Rotor des Ventilators verfangen zu haben. Der Kringel war eingeklemmt, ein Stück der Luftschraube war abgebrochen. Arno glaubte das leise singen eines feststehenden Elektromotors zu hören. In der kurzen Stille nach dem Knall hatte jemand das Tonband gewechselt. „...to catch the scent of what's coming to be...“

Weißt du was? Ich gebe Einen aus.“ Nonsens bestellte ihnen zwei Schnäpse. „Salut.“

Die Ingenieure hatten möglicherweise nur die Absicht Schallereignisse aufzuzeichnen und zu reproduzieren. Wen interessieren solche Probleme sonst noch?“

Arno vermeinte jetzt tatsächlich den Geruch von verschmorten elektrischen Leitungen wahrzunehmen.

Heraklit hielt die Wiederholung scheinbar für unmöglich.“

Nonsens spülte mit Bier nach und zündete sich eine neue Zigarette an.

Der hatte noch keine Elektronik zu Verfügung. Klar du kannst einen HiFi-Turm für eine moderne Plastik halten. Is' doch gut, wenn es dir deine Bude verschönert.“

World of wouundöööhöjöj“ die Musik aus den Lautsprechern hatte sich verlangsamt. Die Tonhöhe war kurz abgesunken und dann gleich wieder auf die normale Tonlage angestiegen. Ein Dopplereffekt. Arno nahm einen großen Schluck Bier.

Jede Maschine ist ein Verzeichnis der Erinnerung. Es braucht einen Bauplan, ein Konzept. Irrtümer sind nie ganz ausgeschlossen.“

Nonsens zog ungerührt an seiner Zigarette. Er trank sein Glas leer, deutete damit auf Arnos Glas. Arno nickte. Nonsens bestellte noch zwei Bier.

Ich sag` dir mal was: du weißt niemals was andere sich für Vorstellungen machen.“

Die Beleuchtung flackerte und die Biere wurden gebracht.

Cheers.“

Wieder schien niemand etwas zu bemerken. War Arnos Wahrnehmung durcheinander geraten, hatte ihn die lange Autofahrt verwirrt?

Warum sollte ich das tun?“

Nonsens schien Nachzudenken. Er kratzte sich am Kopf und sah Arno dann eindringlich an.

Du musst dich Unterscheiden, sonst machen die anderen mit dir was sie wollen. Sonst klauen dir die Trojaner die schöne Helena und lachen dich aus.“

Du meinst, die Techniker sind die heutigen Götter weil sie die Betriebsanleitung geschrieben haben. Ich könnte ja stattdessen mit Holzpferdchen spielen.“

Im Kindergarten vielleicht. Mit dem neuesten Gerät zeigst du dass du in der Gegenwart lebst. Wer die Gegenwart richtig interpretiert hat einen klaren Vorteil gegenüber demjenigen der immer noch auf dem Kamm bläst.“

Arno schielte zum Ventilator hin. Ein typischer Kneipenlüfter, verstaubt und zuverlässig. War das Staub, eine Spinnwebe oder doch ein versteinerter Rauchkringel? Hatte gerade ein Funken aufgeblitzt? Arno wandte seine Aufmerksamkeit wieder Nonsens zu.

Sieh dir mal den Ventilator an, sieht der für dich ganz normal aus?“

Du redest manchmal ziemlich irres Zeug. Weist du das?“

Aha und darum wurde schon eine Nymphe mit Namen Echo in die Vergangenheit verbannt.“

Nonsens machte eine wegwerfende Handbewegung und stand auf. Er verschwand im Dämmerlicht auf dem Weg zur Toilette. Arno schlürfte an seinem Bier und überlegte ob der verschmorte Geruch von einem Gulasch kommen konnte.

Wie Nonsens zurückkam meinte er: „Der Lüfter sieht ganz in Ordnung aus.“

Wie auf's Stichwort flackerte wieder das Licht.

Nastrovje.“ Sie tranken.

Wir könnten mal wieder zurückgehen.“

Also signalisierten sie mit Handzeichen der Kellnerin ihre Zahlungsbereitschaft. Die wenig später mit einem Computerausdruck kam und fragte ob sie wirklich nur zwei Schnäpse getrunken hätten. Sie beteuerten dies. Arno versuchte die Uhrzeit auf dem Ausdruck ausfindig zu machen. Dabei fiel ihm auf, dass sie der Rechnung nach mindestens vier Personen hätten sein müssen um den Betrag zu rechtfertigen. Nonsens war in seinem Element und nach kurzen Rätselraten überzeugte er die Bedienung die Rechnung auf die althergebrachte Weise mit der Hand durchzugehen. Das Ergebnis der Addition überzeugte alle. Sie tauschten Geld und Wechselgeld aus. Zwischendurch jaulte der Ventilator und oder die Musik, die Beleuchtung schwankte.

Arno ging am Billiardtisch, über dem ein paar Typen hingen und mit ihren Queues nach nummerierten Kugeln stießen und am Zigarettenautomaten vorbei, passierte die Ikone mit dem Rock und trat durch die Tür auf die ein Männchen gemalt war. Irgendwo neben dem Waschbecken hing an den Kacheln in einer Ecke der übliche Kondomautomat. Die Urinale hingen zu dritt in angemessener Höhe an der Wand. Arno tat das was man an diesen Becken üblicherweise tat. Er pisste. Er wusch seine Hände. Er ging an ihren Tisch zurück. Nonsens stopfte sich Zigaretten und Feuerzeug in die Taschen. Sie verließen die Kneipe. Die Beleuchtung am Kneipenschild war ausgefallen.

Bald kamen sie wieder an der schon bekannten Haustüre an. Nonsens betätigte den Klingelknopf. Arno machte sich die Mühe die Hausnummer zu entziffern. 1186, ganz schön lang. „Wer da“ quäkte es aus einem kleinen Lautsprecher, der hinter einem Kunststoffgitter an der Klingelanlage angebracht war und beendete seine Spekulationen über Klassifikationen. „Nonsens“ schrie Norbert in die Gegensprechanlage. „Aha“ der Türöffner summte. Sie stiegen wieder durch das schummrige Treppenhaus. Die, Arno ebenfalls schon bekannte, Wohnungstür war nur angelehnt. Arno trabte Nonsens hinterher bis in die Küche. Da saßen zwei Menschen am Küchentisch. Sie begrüßten sich gegenseitig mit munterem „Hallo, hey Alter, hey Anders, hallo.“ Ein Mann mit den langen Haaren stand vom Tisch auf und umarmte Nonsens. Anders bat sie Platz zu nehmen und machte ein paar Bier auf. Norbert sagte: „Das ist Arno und das sind Andie und Anders.“

Du hast die Nachricht ja gefunden.“ Andie, die junge Frau mit blonden Locken und den dicken Socken nahm ihre Füße vom Stuhl. Sie lächelte Arno an. Arno nahm Platz. „Willkommen von Ausserhalb im Innerhalb, im Land Zwischenzeit. Wie war die Reise?“

Nonsens fand ihre Fahrt wäre ganz normal verlaufen. Arno hatte sich gelangweilt. Vielleicht konnte man am Tag etwas mehr sehen. Man konnte nie das Meer sehen, sozusagen dauernd Ebbe auf dem Damm. Anders hauen dauernd welche ab. Wir könnten Morgen die Alligatoren besuchen. Später durchs Aquarium, die tausend Augen der Unsichtbaren zählen. Wenn dass das Niemands-Land wäre, müssten die Bauern über die Äcker rudern. Etwas griechisch mute der Dialekt schon an. An die Prozedur müsse man sich gewöhnen, um 12 ist Feierabend. Fünf vor ist dann schon Schlange stehen. Sonst musst du das Spielgeld mitnehmen bis zum nächsten Mal oder der Schlange auf die bunten Schuppen kleben. Die Orientierung schwierig, Osten ist hier überall ringsum. Das ist hier ganz anders, hier ist überall Westen. Den Kompass kannst du dir sparen. An die Matratze hab ich schon gedacht. Nicht im stehen pinkeln, sonst gibt´s Ärger. Bis Morgen dann, gute Nacht. Wenig später lag Arno auf einer Matratze und starrte in die Dunkelheit. Wie fühlt sich das Fremde an?

Whats the use? Ich warte schon Lange darauf ihn zu treffen. Der Ort an dem er sich mit mir verabredet hat ist nicht weit entfernt. Ich gehe zu Fuß. Erst über einen Bahndamm, dann eine lange düstere Straße entlang. Eine unwirkliche Stille. Ich kenne den Weg, diese Stadt. now you are loneley - and you dont want another day, so sagte er. Dieser Satz hat eine geheime Bedeutung. Ich laufe über Gras, sehe einen großen Betonbau. - your eyes wide open. Ich gehe über schmale Stufen. - seven years in one night. Ich komme in einem großen unbeleuchteten Innenhof. Rechts von mir ist eine Wand mit großen Schaufenstern. Staubig mit langen Sprüngen im Glas, die an Spinnweben erinnern. Ich versuche durch die Scheibe zu sehen. Scheinwerfer die mit ihren Spinnenbeinen von der Decke hängen. Watch! nothing is gonna going today. Kein Mensch ist zu sehen -you find you have that same old dream. Ängstlich mache ich kehrt und laufe davon. Ich habe eine wichtige Verabredung, ich darf nicht zu spät kommen. Ich habe mich...

Am Morgen beim Fleischer: „Det jiebt es ja nich, jenau 100 Gramm.“ Arno spendierte Schinken, Wurst, Käse und Brötchen zum Frühstück. Die Anzahl der Kaffeetassen kann Arno nicht mehr erinnern. Anders war es mit dem Orangensaft den Anders trank, genau eine Flasche.

Die Menge bedruckten Papiers steigt mit der Menge der Hochschulen auf einem begrenzten Raum an. Es wird in Form von Büchern irgendwo angespült; Wenn sie nicht in den Archiven verschwinden. Die Sandbänke und Korallenriffe der Antiquariate, vor allem die sogenannten Modernen. Andie beschrieb Arno den Weg in's Voralpenland. Er bräuchte nur dem Weg durch das Innsbrucker Tal nach Norden folgen und könnte dann schon am rascheln der Blätter und dem Geruch vor jedem zweiten Haus erkennen wo die alten Schinken lagerten. Sie drängte ihm ihren alten Rucksack auf, Anders legte sicherheitshalber seinen Stadtplan dazu. Uhrenvergleich! Sie wollten sich um 12.00 Uhr am Zoo treffen. Norbert wollte sich unbedingt die Tiere angucken. Arno sollte sich vor den Händlern die Bärenfleisch anbieten würden hüten, der Verzehr sei hier untersagt. In der Tiefebene der immergrünen Wälder sollte er sich Links halten und den Schacht Nummer Neun nehmen um zum Tiergehege zu gelangen.

Arno machte sich auf den Weg. Bald war er in das Tal hinabgestiegen und betrat den erstbesten Laden. Er stand zwischen Tapeziertischen und Bananenkisten, wühlte ratlos herum, wartete vergeblich auf ein lebendes Wesen, kletterte zurück ans Tageslicht, um nach wenigen Metern in einen Keller zu treten der sich scheinbar hauptsächlich auf Schriften in Fraktur- und Sütterlinschrift und Möbeln aus Eiche spezialisiert hatte. „Kann ick wat für Sie tun“ fragte ein grauhaariger Alter in selbstgestrickten Pulli. Arno schüttelte den Kopf, Staub tanzte lustig im Licht, er taumelte wieder durch die Straßen, fand im Souterrain die ausgediente Zukunft, die Kilogrammweise angeboten wurde, nahm den kleinen Mond für Psychopathen mit und erzielte einen Sonderpreis, blätterte sich im nächsten Laden durch den kleinen Brehm, legte noch etwas Papier in den Rucksack, lief die Straße entlang, bald lockten aus Schaufenstern meterlange Regale, er stieg einige Treppen hoch.

Arno zog einen dicken Band aus dem Regal. Odysseus holte sich Rat in der Unterwelt, offensichtlich war da etwas über seine Zukunft zu erfahren. Arno versuchte es mit alten Büchern, da ihm niemand den Weg in die Hölle zeigen wollte. Dennoch wog er den Band skeptisch in der Hand, zögernd suchte er nach dem Preis. 20 Pfennige stand mit Bleistift geschrieben auf der dritten Seite. 20 Pfennige war zu jener Zeit etwa der Preis eines Telefongesprächs von 5 Minuten Dauer innerhalb einer Stadt. Eine ganze Menge Text für ziemlich wenig Geld. Er lehnte sich in eine Ecke und las. Nach einer Weile schlug er den Band zu und hing einigen Assoziationen nach. Warum hatte Odysseus vom Anblick des Wassers nie genug? Warum schöpfte er nie Verdacht wenn ihm Geschenke gemacht wurden? Hatte er sich doch selbst die List mit dem hölzernen Pferd ausgedacht, ein Gastgeschenk. Immerhin 20 Pfennige! Das Konzept des Antiquars ging in Arnos Fall auf.

Der Tag war dem Mittag nahe, erkannte Arno auf seiner Armbanduhr. Der Himmel grau und die Sonne nicht zu sehen. Er marschierte nach Norden, langsam lies der Verkehr auf den Straßen etwas nach. Menschen, Menschen in schwarzen Textilien, Jeans und schwarzem Leder. Das Leder mit chromglänzenden Nieten verziert und zusammengeheftet. Schwere Stiefel und bunte Haare mit Zuckerwasser oder Bier versteift, so dass sie wie Stacheln abstanden. Rot. Grün. Dazwischen Pfeffer und Salz und Wolle. Alte fadenscheinige Mäntel, die kaum die Armut verbergen konnten. Zerfetzte Shirts die von großen und auffälligen Sicherheitsnadeln zusammengehalten wurden. Hundehalsbänder an Menschenhälsen. Das klirren von Bierflaschen in Plastiktüten. Eine Dame in Pelzmantel drängelte sich schnell vorbei. Der grelle Geruch von Banal Nr. 4 bohrte sich in die Nasenschleimhäute und wurde kurz darauf von einer Fuselfahne verdrängt. „Ey, haste mal `ne Mark.“ Ein sogenannter Ghettoblaster: „lost in the supermarket.“ Eine magere Ratte auf der Schulter. Ab in den Schacht, ein Schwall warmer Luft. Das schlagen der Türen, kreischendes Metall und vorgewärmte Schalensitze. Viermal flitzten Kachel und Menschen an den Fenstern vorbei, dann abspringen und ans Licht klettern. Andie, Anders und Nonsens warteten schon. Arno kaufte sich eine Eintrittskarte.

Baugerüste und wackelige Stege, hier wurde renoviert. Indirekte Beleuchtung, simulierter Dschungel. Im Becken Alligatoren? Die Reptilien peitschen mit ihren Schwänzen das Wasser und präsentieren scharfe Zähne. Die Tiere erstarrten, Kondenswasser plätscherte über künstlichen Felsen, feiner Nieselregen tropfte von Schlingpflanzen. Eine Brücke mit Holzplanken führte über das Becken. Anders geht es es nicht, also hinüber. Eine Echse machte einen Satz. Grünpflanzen dümpelten an die künstliche Uferbegrenzung. Vorsichtig am Geländer entlang, das Metall war glitschig. Ein dumpfes Poltern. Andie schrie und Nonsens kam Arno mit einem blutroten Bein entgegen. „Scheiße, Scheiße, Scheiße.“ Er lässt sich dramatisch auf den Boden sinken. Arno läuft hin, es riecht nach Terpentin. Nonsens liegt bewegungslos, eine rote Spur führt bis zu einem umgekippten Farbeimer. Nonsens öffnet die Augen. Er zeigt mit dramatisch zitternder Hand zum Eimer. „Ich bin in den Kübel getreten, verdammt.“

Du bist tot, Mann.“

Ist nur Spaß.“

Die müssen dir die Reinigung bezahlen.“

Ha, ha, ha.“

Nonsens steht auf und besieht sich sein Hosenbein. Er blickt sich um und entdeckt einen Wegweiser zu den Toiletten.

Das lässt sich abwaschen.“

Das ist ein Fall für die Versicherung.“

Die TvSBs. Die Tiergarten-Verwaltungs-Schadenfalls-Begleichungs-Stelle. Vielleicht müssen die Handwerker haften, vielleicht die Haftpflichtversicherung, die Unfallversicherung? Hast du 'ne Haftpflichtversicherung, Norbert?“

Scheiß drauf. Ich gehe die Beweismittel vernichten. Wenn du willst kannst du ja den Boden wischen.“

Spinnst du?“

Wir müssen den Vorfall melden. Stell' dir vor du wärst in das Bassin gefallen. Die können doch nicht einfach ihr Zeug herumstehen lassen.“

Eine Bagatelle und ein Fall für die Putzfrau.“

Ja genau, und deine Hose bügelt deine Mama.“

Hosen bügeln, tolle Idee. Das habe ich noch nie gemacht.“

Zufall, ein Versehen. Ist doch nur Farbe, vielleicht gefällt mir das ja. Ihr habt keinen Humor.“

Humor, nicht Homer! Keine Ursache, keine Auswirkung, kein Programm.“

Mensch, Schadenersatz und Schmerzensgeld! Ist doch völlig Egal was du denkst, wenn du Geld 'rausschlagen kannst.“

Ausgerechnet rote Farbe.“

Du kannst doch nicht einfach ignorieren dass da jemand einen Fehler gemacht hat.“

Ich wusste gar nicht dass, wenn ich mir eine Eintrittskarte kaufe, ich für das Unternehmen hier arbeite. Ich gehe mir jetzt das Hosenbein waschen, auch wenn das nicht vorgesehen war. Lasst uns jetzt gehen. Danach wäre ich für einen Kaffee zu haben.“

Er hatte sich den Schuh und die Socke ausgezogen und ging entschlossen auf der Suche nach den Toilettenräumen los. Andie, Anders und Arno folgten ihm und warteten vor der Tür. Es dauerte eine ganze Weile bis Nonsens wieder aus der Toilette kam. Von der Farbe war nichts mehr auf seiner Hose zusehen.

Trocken, was sagt ihr dazu. Es geht doch nichts über einen Heißluft-Handtrockner.“

Er bückte sich, zog sich das Schuhband fest und marschierte voran auf den Ausgang zu. Irgendwo kreischte eine Krähe und blökte ein Schaf, oder was auch immer für ein exotisches Exemplar die Geräusche erzeugt haben mochte. „Mami, Mami guck mal“ rief ein unsichtbares Kind. Anders und Andie führten eine flüsternde Diskussion. Arno schlenderte schweigend hinter ihnen her. Sie verließen den Zoo. „Okay, Kaffee“ meinte Anders und zeigte über die belebte Straße. Sie quetschten sich an parkenden Autos vorbei, umrundeten einige Omnibusse, liefen durch einen Tunnel und bogen um eine Ecke. „Hier kannst du deinen Rucksack einlagern. Den kannst du Später wieder abholen“ empfahl Anders. Arno schob ein paar Münzen in den Schlitz am Schließfach und stopfte den Rucksack hinein. Er schloss die Lade und steckte sich den Schlüssel in die Hosentasche. Sie traten aus dem Gebäude und wurden von der Menge eingesogen. Sie gingen an Glasbausteinen entlang, über die eine ausgebombte Ruine aufragte, verharrten schweigend vor einer Fußgängerampel, lavierten sich an den starren Blicken der faltenfreien Schaufensterpuppen vorbei, verlangsamten ihre Schritte an der klassischen Fassade eines Kinos: „Die Toten“ wurden angekündigt. Ein scharfer Wind zupfte die letzten Blätter von den Bäumen. Sie gingen an einer Absperrung entlang, gepanzerte Fahrzeuge blockierten den Weg. Die gingen im Gänsemarsch an aufgemalten Sternen vorbei, wurden von bewaffneten Soldaten gemustert, und stolperten über Pflastersteine. Sie knarrten über ausgetretene Dielen zu roten Plüsch auf dunkelbraunen Holz. Die angenehme Wärme machte sie augenblicklich schläfrig. Sie tranken Kaffee, rauchten Zigaretten und versuchten „fishers game“ aus den Lautsprechern zu überhören. Sie sprachen über Ursachen und Wirkungen und über die Beseitigung von Auswirkungen, ob dies tatsächlich möglich und ratsam wäre. Überlegten wie sie eine Reise in den Osten dem Morgen näher bringen würde und ob das Abstreiten von Differenzen sie nur der Sprachlosigkeit anheim fallen lassen würde. Ganz sicher war um 24 Uhr der Tag auch im Osten vorüber, wohingegen die Nächte in den Gebirgstälern des Westens bekanntermaßen lang waren. Die Gebühr betrug 20 Deutsche Mark. Das Bier kostet vielleicht 50 Pfennige. Das bedeutete möglichst den ganzen Betrag bis zum Beginn der Geisterstunde ausgegeben zu haben. Der Devisenschmuggel war nur eine Notlösung. Weil das Geld hier nichts Wert wäre und man nochmals verreisen müsse um zu versuchen es endgültig loszuwerden. Leider müsste man dann wieder die Tagespauschale eintauschen und so weiter. Geld ausgeben kann doch nicht so schwer sein! Sie würden sehen. Sie bezahlten noch mit gewohnter Währung, gewohnte Beträge und liefen zum nächsten Bahnsteig. Sie sprangen in den nächsten Zug. Nach einigen Stationen hielt der Zug und spuckte die Passagiere in elfenbeinfarbene Schächte. Die Menge sickerte die Treppen hinab und bildete Schlangen vor Kontrollschaltern. Bald waren sie an der Reihe. Geldscheine eintauschen, Belege, vortreten an ein Kabäuschen das aussah wie ein Aquarium aus kugelsicheren, Gold verspiegelten Panzerglas auf einem grauen Betonsockel. Beleg, Ausweis durch einen Schlitz reichen, geradeaus starren ohne ein Gegenüber wahrnehmen zu könne. Das klackern eines Stempels, Papiere entgegen nehmen und entschlossen weitergehen, ohne genau zu wissen wohin. Andie übernahm die Führung und eine Weile schien es so als hätten sie sich einer größeren Gruppe angeschlossen. Zielstrebig trabten sie am Fluss entlang, über eine Brücke, eine Treppe empor. Sie gingen durch einen Tunnel und stürzten Jahrtausende zurück in die Vergangenheit bis sie der Kampf der Götter mit den Giganten umgab. Fahles Licht fiel durch die Oberlichter tief hinab auf Säulen, Treppen und einen Fries. Ein Relief, in Marmor erstarrt die Verlierer wie die Gewinner. Abgebrochene Körper und Körperteile bildeten ein gigantisches Puzzle. Nymphen einen Giganten zerschmetternd. Poseidon verborgen unter der Oberfläche grauen Putzes. Sie schlenderten umher. Stiegen die Stufen aus Marmor hoch. Versuchten von der obersten Stufe zwischen Säulen sitzend schweigend die Botschaft zu entziffern und ahnten doch, vielleicht war diese Botschaft nicht an sie gerichtet worden. Das Bild musste einmal ein Ganzes gewesen sein. Ein Bild das in Stein gehauen wurde, unter freiem Himmel. Arno legte die vorgestellten Buntstifte wieder in sein Unterbewusstsein zurück und trabte mit den anderen die Stufen hinab. Hinaus in den hereinbrechenden Abend. Nebel stieg auf und orangefarbene Leuchten glühten im Dunst. „Auf zum nächsten Schauplatz“ rief ihnen der voraus laufende Nonsens zu. „Genau“ meinte Anders „ganz nach Oben.“ Ein grünes Männchen mit Hut stoppte den Autoverkehr, sie überquerten eine Hauptstraße. Die Äste kahler Laubbäume im Licht unzähliger Lampen. Erstarrt in Bronze die Riesen, grüßte einer sitzend. Poseidon, Arno erkannte ihn auch unter anderen Namen, hielt seinen Dreizack erhoben. Sein Schatten geisterte verzerrt über eine mächtige Backsteinfassade. Sie sahen eine gigantische Säule vor ihnen aufragen, die Explosionswolken der Triebwerke waren zu Beton erstarrt. Weit oben glitzerte eine riesige Glaskugel. Der fast volle Mond hing daneben im körnigen Dunkelblau. Die Planeten umkreisten die Sonne, Saturn mit Blechring und nahmen sich alle Zeit der Welt. Sie liefen an einer grauen Hausmauer entlang, über einen Platz in die Bienenwaben eines Kaufhauses. Arno erstand mehrere Postkarten, zum Einheitsverkaufspreis von 10 Pfennigen, griff sich ein Notizbuch aus billigen Recyclingpapier für 90 Pfennige und fand tatsächlich eine Vynilschallplatte für 16,10 Mark. Nonsens meinte: „Greif zu, wenn dir die hiesige Kohle ausgeht leihe ich dir noch was.“

Und welchen Tauschkurs schlägst du vor. Eins zu Eins?“

Und wenn schon.“

Als dann kein Bedarf mehr an Häkeldecken und Kunstfaserkleidung bestand, schwebten sie aus dem Bienenstock. Sie lächelten freundlich in die Überwachungs-Kameras und machten sich für einen Flug über den Himmel der Stadt bereit. Sie liefen die Rampe zum Eingang des Turms hinauf. Sie wollten auf keinen Fall den Start verpassen und lösten als erstes eine Eintrittskarte. Sie hatten Glück, der nächste Start des Aufzugs lag kurz bevor. Sie betraten schweigend die Edelstahlkabine. Es begrüßte sie der freundliche Pilot in ausgeleierter, grauer Kunstfaserhose, leicht schmuddeligen weißen Kunstfaserhemd und propellerartiger Kunstfaserfliege. Er drückte einen Knopf und los gings. Die Kabine ruckelte leicht, der Boden unter ihren Füßen wich zurück, sie schwebten empor. Die Zeit dehnte sich zu quecksilbrigen Spiegelbildern an den Kabinenwänden. Bald sackte ihnen der Boden wieder entgegen. Der Pilot lächelte. Er strich sich seine Kunstfaserhaare aus der Stirn, auf der Schweiß glänzte. Sie traten unsicher hinaus auf die Aussichtsplattform, an die Fernrohre. Anders lieh sich Kleingeld von Nonsens und Arno zusammen. „Wie weit? 365 Lichtjahre? Wir sind hier 206 hoch“ erklärte Anders. „Immerhin haben wir keine Zeitzone überschritten.“

Hinter den Glasscheiben glühte die Nacht, Leuchtkörper und Sterne vertauschten Oben und Unten. Sternbilder und Straßenlampen, Milchstraßen und Neonröhren, blau funkelnde Sterne und rot schwelende Rücklichter, ferne Pulsare und die schwarzen Löcher der unbebauten Flächen, die Nacht. Andie war es wohl zu schwer geworden, noch mit dem Fernrohr Details aus der Umgebung zu erkennen. Sie drehte sich um und zog Anders mit sich.

Der Weltraum, endlose Weiten. Wir gehen in die Messe, ich meine Kantine, oder so. Kommt mit!“ sagte er munter im vorübergehen. Sie verließen das Observatorium die Treppe hoch. Sie tasteten sich einen schmalen Gang entlang, Glasbausteine flimmerten bunt. Im milden Licht der Lampen, weich gezeichnet von Zigarettenrauch, eingerahmt von Stimmengewirr und dem üblichen Klappern und Klirren öffentlicher Verköstigung, schwebten Menschen an ihnen vorbei. Bald hatte sie eine streng gesichtige Stewardess entdeckt. Sie sprang entgegen der Laufrichtung ab, löste sich aus dem Sog, der Gäste und Mobiliar weiter zog, und landete sicher vor ihnen. Sie hatte ihr blondes Haar nach hinten gebunden, trug eine weiße Bluse, schwarzer Rock, griffige Schuhe und verbuchte sie augenblicklich. „Natürlich“ meinte Nonsens „13.“ Er versuchte in den Raum zu treten der ihm entgegenkam und schaffte es nicht. Er stemmte sich wie gegen einen Sturm in das Bild und verschwand um die Krümmung der Wand aus dem Blick. Langsam machten sie sich in entgegengesetzter Richtung in Bewegung. Die Stewardess war währenddessen unbemerkt verschwunden. Arno bemerkte einen stählernen Ring der am Boden den Teppich teilte. Ein alter Mann trat ihm aus einer Nische entgegen. Ein mittelalter Bursche folgte ihm und flüsterte: „Hier entlang Kommodore.“ So hatte Arno sich einen verdienten Pionier der Raumfahrt vorgestellt. Der Alte rammte entschlossen seinen Stock in den Teppichboden und saugte an einer mächtig qualmenden Zigarre. Weiße Haare waren über seinen massiven Schädel nach hinten über seine großen Ohren gekämmt. Buschige Augenbrauen entflammten die faltige Stirn mit dem Feuer seiner blauen Augen. Tiefe Falten auf den Wangen, eine große Nase. Schuppen adelten seine gebeugte Schulter, messerscharfe Bügelfalten und knarrende Lederschuhe schnitten Spalten in die Realität. Einen Augenblick stand er so vor Arno. Der Kommodore nickte unmerklich und schritt an ihm vorbei. Mit einen Schritt überwand er den Stillstand. Folgte dem Fortschritt der Einrichtung, entschlossen einen ihm entgegen schwebenden Tisch zu. Sein Begleiter ließ Arno den Vortritt. Arno roch Rasierwasser. Arno ging weiter und konzentrierte sich auf die Nummern an den Tischen.

Guck ma, det is doch unser Balkong“ meinte eine steif frisierte Dame am Tisch vor der Nummer 13 und drückte ihre Nase an das Glas. „Det globste doch wohl selba nich“ murmelte ihr Begleiter und reckte dennoch den Hals. Nonsens schob sich in diese Szene, er saß mit dem Rücken zu dem Paar vor Arno. Der blätterte sich durch die Speisenkarte und suchte nach Wurst und Bier. Rechts neben ihm Andie, die durch die Fensterscheibe in die Nacht sah, ihr gegenüber Anders. Der sagte gerade: „Sparsamkeit ist fehl angebracht, Mann.“

Das weiß ich auch. Wie schnell kreisen wir eigentlich?“ fragte ihn Norbert.

3 Umdrehungen die Stunde. Ich schätze mal ganz grob, um eine Zahl zu haben, auf 50 Meter Durchmesser. Mal π, also 157 Meter. Mal Drei“ rechnete Anders ihm vor.

471 Meter die Stunde“ präsentierte Nonsens ihm das Ergebnis. „Etwa 12 Kilometer am Tag.“

Nonsens hatte offensichtlich den kürzeren Weg gehabt, denn er saß schon am Tisch als sie ankamen. Kaum hatten sie ihre Umdrehungszahl ermittelt, erschien ein Kellner. Arno erkannte ihn an seiner Kunstfaserbekleidung, an den schwarzen, faltigen, abgelatschten Slippern, dem leicht fettigen blonden Haar und dem abgebrühten aber hungrigen Ausdruck in seinen Augen. Kellner nahmen mit der Zeit überall auf der Welt diese Erscheinung an. Er war unbemerkt heran geschwebt und beugte sich nun lächelnd, mit dem Bestellblock in Händen heran. Der Kellner hatte sie wohl schon in seiner Umlaufbahn als Touristen ausgemacht. Sein Blick glitt kurz über Arnos Beutel Zigarettentabak und dem dicken Cig-Einweg-Feuerzeug, die auf der Tischdecke lagen und saugten sich dann an Andies grünen Augen fest. Die hielt die Karte umklammert, sah durch ihn hindurch und bestellte flugs eine Flasche Wein und mehrere Stücke Kuchen.

Ich gebe Einen aus“ meldete sich Nonsens. Noch im schreiben wendete der Kellner seine Aufmerksamkeit Norbert zu.

Wodka hammse doch, oda?“ fragte Nonsens.

Der nuschelte freundlich: „Jo, natürlisch. Eine Flosche, vier Gläsa?“

Nonsens bestätigte. Anders als Arno bestellte Anders Kaffee, während Arno sich mit Wurst, Brot und einem Bier eindeckte. Der Kellner eilte geschmeidig davon.


Die alten Griechen kannten rostfreien Stahl noch nicht.“ Er sah aus dem großen Fenster. Glas war aus geschmolzenem Silizium, das beim auskühlen erstarrt und Kristallgitter bildet. Ganz ähnlich verhält sich der Stahl, der die Rahmen um die Panoramascheiben bildete. In der Dunkelheit funkelten die Sterne, ihr Tisch schwebte als matte Spiegelung über der Stadt.

Der Kellner kam geräuschlos zurück, Servierte routiniert und schwebte wieder davon. „Weißt du, wie Stahl hergestellt wird?“ Das hatte Arno nun davon, Andie wollte es genau wissen. Technische Universität, Materialforschung.

Eine Eisen-Kohlenstofflegierung. Eisen, Fe, hat ein Atomgewicht von: 55,85 und einen Siedepunkt von 2730 Grad Celsius. Kurz gesagt brauchst du Eisenerz gemischt mit Nickel, oder Chrom, oder Mangan, oder Kobalt und jede Menge Energie. Die Temperatur muss über 1600 Grad Celsius betragen um anders Material wie zum Beispiel Kohlenstoff zu verbrennen, dann wird das Metall flüssig. In diesen Zustand kannst du es in Formen füllen, gewöhnlich gepresster feiner Sand. Wenn der Stahl abkühlt wird er fest und behält dauerhaft seine Form bei. Der Stahl hat eine Kristallstruktur. Eisencarbonat also FeCO3 ist rhomboedrisch.“

X hoch drei. Ein Würfel mit der Grundfläche eines Parallelogramms, gibt einen guten Baustein ab und hat eine hohe Zugfestigkeit. Das ist die Metaphysik des Stahls, das Muster. Das Muster dass die Kristalle bilden, ihre Struktur und ihr Ideal.“ ergänzte Andie.

Warum mangelte es dem Blitze schleudernden Zeus dann an Energie?“ fragte Nonsens.

Zeus musste 10 Jahre mit den Titanen kämpfen um endlich seine Herrschaft anzutreten. Er konnte nur mit der Hilfe Sterblicher gewinnen. Herakles.“

Luft anhalten soll auch gegen Schluckauf helfen“ meinte Andie nachdem sie ihr Glas geleert hatte.

Schon, oder Flüssigkeit trinken.“ Nonsens schenkte ihre Gläser nach. Sie tranken noch einiges während ihres Aufenthalts unter den Sternen. Irgendwann begannen Anders und Nonsens auf einen Notizzettel Zahlen zu addieren und kamen zu dem Schluss, dass sie zu Ende kommen könnten. Bald darauf landeten sie wieder sicher auf der Oberfläche des Planeten.

Die Atmosphäre war atembar, wenngleich sie nach Kohlenstaub schmeckte. Sie tappten ein wenig benommen hinaus in die Nacht, die bleischwer und doch so leicht wie der mitternachtsblaue Bildschirm eines Computer-Monitors über ihnen hing. Sie hatten noch knapp zwei Stunden Zeit bis zum Torschluss, bis zur Geisterstunde. Andie kannte sich hier ein wenig aus. Sie scheuchte sie erst einmal durch ein gekacheltes Tunnelsystem. Arno staunte über Stahlträger und Nieten, sie schmiegten sich melancholisch in die Backsteine. Passanten schwebten schweigend vorüber wie im Traum. Sie stiegen durchgetretene Stufen hinauf, zurück an die Erdoberfläche. Diese stellte sich nach ein paar Metern aus Kopfstein gepflastert und ziemlich Dunkel dar. Die Fassaden der Gebäude erschienen grobkörnig und vergilbt wie auf alten Fotografien. An einigen Stellen blätterte der Anstrich ab und wölbte sich wie die Borke eines alten Baums. Obst und Gemüse, Lebensmittel, ein Buchladen, dunkel die Schaufenster. Wie ein Panzerschiff zu Zeiten des ersten Weltkriegs schob sich die granitgraue Front eines Theaters in die Straße, ein Streifen Rasen bildete die Bugwelle. Sie gingen langsam weiter. Autos knatterten über das buckelige Pflaster. Sie wanderten im unhörbaren Knarren und Quietschen des Gebälks, dem unmerklichen Verfall der Materialien durch eine fremde Stadt. Das Singen der Elektromotoren beim anfahren der Straßenbahnen. Tonnen von Stahl quietschten auf den Schienen. Sie folgten dem Band der Geleise. Schweres tarnfarbenes Gerät rollte an ihnen vorbei und hüllte sie in eine fettige Wolke aus Auspuffgasen. Jetzt erkannte Arno auch die seltsamen Narben an den Fassaden. Ein riesiges Gebäude zeichnete sich im Dunst grau ab, wie ein untergegangener Ozeandampfer. Das Dach war eingefallen, Stahlträger ragten verdreht in die Luft, leere Fensteröffnungen, der Verputz der Fassade von Pilzen befallen. Es war als tauchten sie hinab auf den Grund eines Ozeans. Unwirklich zeichneten sich Rohre und Leitungen ab, überkrustet von Rost und Staub. Eingänge waren behelfsmäßig zugemauert worden, schuppig verbrannte Ziegelsteine. Sand und Mörtel sickerten zwischen die Pflastersteine. Sie tauchten auf in nordischer Landschaft grauer Wände und schwach leuchtenden Straßenlampen. Hier endete die Straße an einer Mauer. Sie standen eine kleine Weile schweigend herum. Bald liefen sie zurück in die Moose, Farne und Flechten der Stadtlandschaft, durch die leeren Straßen, bis sie wieder den Ausgang fanden.



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